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© Adi Allesch

Aichberg 4  „Musikmittelschule“

(Herbert Blatnik)

 

Das Haus Aichberg 4 mit dem Schichtturm wurde 1857 als Kanzlei- und Direktionsgebäude des Eibiswalder Stahlwerks im damaligen „Industriestil“ errichtet und hieß fortan „Neue Hütte“.

 

Am 3. April 1882 kaufte die Österreichisch-Alpine Montangesellschaft das Gebäude laut Kaufvertrag vom 2. November 1881 von der Österr. Central Boden Credit- Bank und richtete ein  für die damalige Zeit  modernes Büro für das bestehende Stahlwerk ein. Im Parterre ließ Werksdirektor Knaffl eine Prüfwerkstätte anlegen, in der sich unter anderem eine Stahlzerreißmaschine befand. (Raum in der NW-Ecke.) Nach einem schweren Unfall im Jahr 1887 gründeten in diesem Gebäude zehn Stahlwerksarbeiter freiwillig die erste Rettungsabteilung der heutigen SW-Steiermark und rückten auch zu Unfällen in der Umgebung von Eibiswald aus. Ihr Rettungsfahrzeug bestand aus einer Bahre, die auf zwei hohen Rädern gefedert aufgesetzt war und von einem Fiakerpferd gezogen wurde. Die Rettungsmänner hatten ihren Aufenthaltsraum im heutigen Durchgang zum Zubau 1.

 

5. Mai 1905: Die Schichtpfeife im Turm des Direktionsgebäudes ertönte zum letzten Mal. Als die Österreichische Alpine Montangesellschaft als Eigentümerin das Stahlwerk ab1903 immer mehr reduzierte und 1905 ganz schloss, wurde das Gebäude nicht, wie alle anderen Fabriksgebäude, der Spitzhacke preisgegeben, sondern als Wohnhaus weiterbelassen, weil es als einziges Gebäude des Stahlwerks im Winter beheizbar war. Heute gilt es als wertvolles und schutzwürdiges Kulturdenkmal.[1] Die Werkshallen wurden niedergerissen, nachdem man den Bewohnern der Umgebung erlaubt hatte, die Dachziegel abzutragen und wegzuführen. Noch heute tragen manche Dächer der Markthäuser die alten, hart gebrannten Dachziegel!

 

Drei Jahre nach der Schließung des Stahlwerks benötigte die 1905 gegründete Eibiswalder Glanzkohlengewerkschaft ein Verwaltungshaus in Eibiswald und erstand das Objekt von der Alpine Montangesellschaft mit dem Kaufvertrag vom 3. Juni 1908. Inzwischen war der Abbau im Charlotte Marie-Schacht in Hörmsdorf in Vollbetrieb gegangen und verbrauchte enorme Mengen an Grubenholz. Das Areal östlich des Kanzleigebäudes, der spätere Sportplatz, wurde in einen Holzlagerplatz umgewandelt, der Platzmeister wohnte mit einigen Gehilfen im alten Kanzleigebäude Aichberg 4. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges wurden sowohl der Holzlagerplatz als auch die Wohnräume im Kanzleigebäude aufgelassen.

1919 wurde das Haus nicht mehr gebraucht und den im November 1918 gegründeten Volkswehrkompanien Eibiswald und Aibl überlassen. Zwei Kompanien des Volkswehrbataillons Nr.12 wohnten in notdürftig gezimmerten Baracken auf dem Gelände des einstigen Stahlwerkes, ihre Kommandatur befand sich im Einfalthaus Aichberg 1 und die Mannschaftsküche im Haus Aichberg 4. Nachdem im Februar 1919 die meisten Soldaten des Volkswehrbataillons  Nr.12 nach Deutschlandsberg abrückten, stand das Haus Aichberg Nr.4 jahrelang fast leer.[2] In den vier Monaten „Besatzungszeit” war es den Volkswehrsoldaten gelungen, das Haus derart zu demolieren, dass niemand mehr daran interessiert war. In den folgenden Jahren diente es als Lager und Wohnstätte für einige Arbeiter des benachbarten Sägewerkes.

 

Mit Kaufvertrag vom 15. Dezember 1923 ging die „Wanzenruine“, wie die Eibiswalder sagten, in den Besitz der Marktgemeinde Eibiswald über. Der Grund dazu war folgender: Die Marktgemeinde hatte im Haus gegenüber (Aichberg 3, heute Nahwärme-Heizwerk) in den Jahren 1921/22 ein E-Werk an der Saggau errichtet, das sich aber schon bald als zu leistungsschwach erwies. Man dachte also an den Bau eines neuen, größeren Elektrizitätswerkes mit Dieselmotoren und hätte dazu das alte Stahlwerkshaus gut gebrauchen können. Es kam aber nicht zum Bau des neuen E-Werkes, da die GKB schon 1924 begann, von ihren Kohlewerken aus Strom in die SW-Stmk. zu liefern und im Jahr 1927 auch das Eibiswalder Netz versorgte.

1934 errichtete die Eibiswalder Heimwehr hier einen Stützpunkt. Nachdem im Herbst 1936 sämtliche Wehrverbände von der Regierung Schuschnigg aufgelöst wurden, stand das Haus wieder leer. Am 18. Juli 1937 kam das Haus jedoch zu großen militärischen Ehren, als es als Kaserne des Ausbildungskaders der Frontmiliz eröffnet wurde. Auf dem Festprogramm standen Feldmesse und Defilee von einigen tausend „Kriegern” aus dem ganzen Bezirk im gegenüberliegenden Park.[3] Monate davor war das Haus mit großem finanziellen Aufwand renoviert worden und galt danach als Musterkaserne der Frontmiliz, die mehrmals von auswärtigen, auch von italienischen Offizieren besichtigt wurde. Ihr prominentester Soldat war Alt-Landtagspräsident Franz Wegart. Die Frontmiliz löste sich im März 1938 selbst auf.

1939 konnte es der Eibiswalder Lederhändler Lipp für seinen Fuhrpark anmieten. Lipp war in der illegalen NS-Zeit unter anderem NSDAP-Ortsgruppenleiter gewesen. Für seine Verdienste um die „Bewegung“ belohnte ihn die Kreisleitung, indem man ihm das Haus Aichberg 4 recht günstig vermietete. Gemäß dem Kaufvertrag vom 13. Februar 1942 mit Nachtrag vom 13. 6. 1942 ging das Eigentumsrecht an Maria Lipp über.

 

Nach der Gründung der Eibiswalder Hauptschule am 20. September 1946 beschloss die Marktgemeinde Eibiswald, das ehemalige Direktionsgebäude zur Schule auszubauen.

Auf Grund des Beschlusses der Rückstellungskommission für reichsdeutsches Eigentum vom 30. 1. 1948 begann die Einleitung des Rückstellungsverfahrens. Die Familie Lipp war nach dem Kriegsende im Sinne der Wiedergutmachung enteignet worden. Dabei kam es zu einem einzigartigen Kuriosum: Am 1. März 1949 erhielten vier Gemeinden das Eigentumsrecht für das Haus Aichberg 4:

Marktgemeinde Eibiswald zu 7/22.

Ortsgemeinde Aibl zu 5/22.

Ortsgemeinde Pitschgau zu 5/22.

Ortsgemeinde Stammeregg zu 5/22.[4]

Warum vier Gemeinden Eigentümer wurden, hatte folgenden Grund: Der damalige Bürgermeister Richard Lang bediente sich bei den langwierigen Verhandlungen eines geschickten Schachzuges: Er machte klar, dass nicht die Marktgemeinde Eibiswald die Realität allein beanspruchen wolle, sondern dass die dem Schulsprengel angehörenden Umgebungsgemeinden Mitbesitzer werden sollten. Er wusste offensichtlich, dass derartige kommunale Vorhaben von der Landesregierung bevorzugt behandelt würden. Er behielt Recht, kurz darauf konnte mit der Planung für die HS begonnen werden.

Die Eibiswalder Gemeinde erwarb auch das umliegende Areal. In den Jahren 1965/66 kam es zur Erweiterung der Hauptschule mit einem Zubau, dem 1978 der zweite Zubau folgte.

Anmerkung: Beim ersten Zubau der Hauptschule im Jahr 1966 fand man heraus, dass die meisten Fabriksgebäude unterkellert waren. Das war eine teure Überraschung, weil man erst die mit losem Schutt angefüllten Kellerräume ordentlich zuschütten und planieren musste. Auch fand man eine große, schön gemauerte Zisterne, die der Trinkwasserversorgung für die Arbeiter diente.



[1] Herbert Blatnik, Die Eisen- und Stahlgewerkschaft zu Eibiswald und Krumbach, S. 88-100. In: Mitteilungsblatt der Korrespondenten der Historischen Landeskommission für Steiermark, Graz 1991.

[2] Chronik des Gendarmeriepostens Eibiswald.

[3] Briefwechsel des Pfarramtes Eibiswald vom 10.7.37 im Grazer Diözesanarchiv, ”Neubestand Eibiswald”.

[4] Auskunft der Marktgemeinde Eibiswald: Das ist noch heute so, nur Zubau I und II sind im alleinigen Besitz der Eibiswalder Marktgemeinde.