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© Adi Allesch

Der Hof Aichberger, Aichberg Nr. 6

(Herbert Blatnik)

 

Der Hof Aichberger ist ein Beispiel dafür, wie ein steirischer Bauernhof allmählich, trotz vieler Besitzwechsel, zu einem kleinen Adelssitz und zwölf Generationen später wieder zu einem Bauerngut wurde.

 

Der Hof der Familie „Schrampf“: Die Nennung des Gehöftes „Schramphn am Aichperg gelegen“ finden wir in einer Urkunde des Jahres 1427. Damals gehörte der Hof noch zum Stubenberger Lehensgut der Herrschaft Mureck. 1436 ist der Hof im Besitz des mächtigen Grafen Friedrich von Cilli und 1460 übergibt Kaiser Friedrich III als steirischer Landesherr den Hof als Lehen an Jörg Schrampf. Von da an wurde die Familie Schrampf, deren Herkunft bislang nicht restlos geklärt ist, auf dem Aichberger Hof sesshaft und baute ihn allmählich zu einer kleinen Burg aus.[1] Die Schrampf waren sg. „Einschildritter“, das heißt, sie konnten zwar Lehen empfangen und verwalten durften jedoch keine Lehen ohne Einwilligung einer übergeordneten Instanz weitergeben. Obwohl sie aufgrund ihres Kinderreichtums mit zahlreichen anderen Geschlechtern des steirischen Adels verheiratet oder verschwägert waren, gelangten sie nie in den Herrenstand. Die meisten von ihnen waren bäuerliche Dienstmannen verschiedener Herren. 

 

Die günstige Lage der Burg ließe vermuten, sie hätte eine für die Landesverteidigung wichtige Aufgabe zu erfüllen gehabt, nämlich einem Aggressor den Übergang vom Drautal in das Sulmtal und weiter nach Graz zu verwehren. Diese Aufgabe hätte die kleine Burg jedoch nie erfüllen können. Denn es blieb über Jahrhunderte bei einem Bau, der nie zur starken Festung erweitert wurde, nicht einmal während der Türkenkriege. Historiker Dr. Robert Baravalle vermutete aber, dass das heutige Hauptgebäude nur der Meierhof eines unweit gelegenen größeren Schlosses gewesen ist. Dagegen spricht aber das Fehlen von Fundamentresten in der Umgebung.[2]

 

Den Nachkommen des Jörg Schrampf gelang es, in wenigen Jahren mit dem Erwerb von zahlreichen Besitzungen ihre Geltung im Saggautal auszubauen. Kurze Zeit waren sie sogar Pfleger der Herrschaft Eibiswald. Bald darauf empfingen sie als Lehen die Dörfer Haselbach und Hermannsdorf, wie Hörmsdorf damals hieß.[3]

In der unruhigen Zeit des ausgehenden Mittelalters standen die meisten Söhne der Familie im Kriegsdienst für den Kaiser und galten als treue Vasallen des jeweiligen Landesfürsten. Mit der Ausnahme von Georg Schrampf, der als kaiserlicher Pfleger die Burg Lavamünd innehatte und den die Lavantaler Bauern wegen seiner Geldgier des Raubrittertums bezichtigten. Er war, könnte man sagen, das „schwarze Schaf“ in der ehrbaren Familie Schrampf. Im Jahr 1480, zur Zeit des zehnjährigen Ungarnkrieges, intrigierte er gegen Kaiser Friedrich III, seinen obersten Kriegsherren, kündigte ihm die Treue auf und verband sich sogar mit seinem Feind, dem Ungarnkönig Matthias Corvinus.[4] Und das zur Zeit der größten Not im Lande, als die Türken auf ihrem Kriegszug bis in die Obersteiermark eindrangen.

1532 tritt der kluge Hanns Schrampf in Erscheinung, und zwar durch die Heirat mit der begüterten Margarethe von Herberstein. Zehn Jahre später wird sein Hof „Schrampfhof“ genannt. Er soll das Wohnhaus zu einem „Gschloß“ ausgebaut haben, außerdem durfte er sich „Ritter“ nennen.

1589 suchte eine verheerende Brandkatastrophe den Hof heim. Der Schaden dürfte gewaltig gewesen sein, denn die steirische Landschaft bewilligte dem Besitzer Adam Schrampf für den Wiederaufbau 600 Gulden. Er erhielt die stattliche Summe in Würdigung seiner Verdienste als Offizier an der Windischen Grenze, wie der befestigte Grenzabschnitt zur Zeit der Türkenkriege hieß.

Auch sein Sohn Caspar Adam war ein verdienter Offizier. Er und seine vier Söhne blieben dem steirischen Landesherren Ferdinand II insofern treu, indem sie nicht, wie viele andere steirische Adelige, zum Protestantismus überwechselten. Als Caspar Adam 1626 verstarb, wurde sein Besitz geschätzt: Man kam auf die für einen rangniederen Adeligen unglaubliche Summe von 22.662,- Gulden.[5] Das Güterverzeichnis zeigte auf, dass die Männer der Familie sowohl Bauern als auch Soldaten waren: Neben bäuerlichem Werkzeug scheint eine gut bestückte Rüstkammer auf, mit Degen, Zweihandschwertern, Musketen, Pistolen, Panzerhemden etc. Auch eine Bibliothek mit 50 Bänden wird genannt.[6] Das Gebäude war unterkellert, bis zu einhundert Halben sollen dort einmal Platz gehabt haben.

 

Aus dem Adelssitz wird wieder ein Bauernhof: Mit Caspar Adams Sohn erlosch etappenweise die ritterliche Herrlichkeit. Sein Sohn Georg Ernst verkaufte 1627 den ganzen Besitz an Julius Neidhart von Mersberg und übersiedelte an den Schwarzhof bei Wildon. Freiherr Mersberg, der reiche Inhaber der Herrschaften Arnfels und Eibiswald, verkaufte 1639 die Herrschaft Eibiswald mitsamt dem Schrampfhof an Christoph Freiherren von Eibiswald. 1667 ging der ganze Besitz an den Grafen Otto Wilhelm von Schrottenbach. Der Aichberger Hof wurde ab nun von bäuerlichen Familien verwaltet.

1795 erwarb der wohlhabende Bauer Anton Gaich den Aichberger Besitz. Gaich stammte aus der Umgebung von Gleinstätten. Laut Franziszäischem Kataster von 1825 gehörten zum Hof ein Wirtschaftsgebäude und 42 Joch Grundbesitz. Bis zum Jahr 1882 besaß die Familie Gaich den Hof. In den Jahren davor hatte sich die Familie derart verschuldet, dass sie den Besitz am 19. Mai 1882 der Eibiswalder Sparkasse übergeben musste.[7]

 

Im Frühjahr 1884 beginnt für den Hof eine völlig neue Ära. Die Österreichisch Alpine Montangesellschaft hatte drei Jahre zuvor das Eibiswalder Stahlwerk gekauft. Nach dessen raschen Ausbau benötigte sie dringend Wohnungen für ihre Ingenieure und Buchhalter und kaufte kurzerhand den Aichbergerhof. Der Wald, die Äcker, Obst- und Weingärten gingen in Pacht an verschiedene Bauern der Umgebung. Bis zur völligen Stilllegung des Werkes im Mai 1905 wohnten jeweils sechs „Beamte“, zum Teil mit ihren Familien, auf der Anhöhe über dem Werk. Allerdings blieben die meisten von ihnen nur kurze Zeit, weil sie um die Gesundheit ihrer Kinder besorgt waren. Bei starkem Südwind kamen sie in den „Genuss“ giftiger Rauchschwaden, welche die Schornsteine der „Neuen Hütte“ ausstießen. Die Beamtenfamilien wohnten lieber im Haus Eibiswald Nr. 81, das 1870 von Carl Maria Faber, dem Vorbesitzer des Stahlwerkes, als Werkspital errichtet worden war.

 

Bis zum Herbst 1905 kam es zur totalen Demontage des Werkes. Die Bewohner des Aichberger Hofes zogen mit den Maschinen nach Kindberg-Aumühl. Im November 1905 erwarb das Ehepaar Joseph und Johanna Brauchart den Hof, der zwanzig Jahre später, im November 1925, in den Besitz von Karl und Maria gelangte.

 

Heimatschutzzentrum Aichberger Hof: Karl und sein Bruder Georg („Aichberger Jirgl“) machten in den folgenden Jahren aus dem Hof ein Zentrum des Österreichischen Heimatschutzes. Nach der Gründung der Einheitspartei Vaterländische Front im Mai 1933 war der Hof auch deren wichtigster Stützpunkt im Saggautal. Hier trafen sich Heimatschutz-Funktionäre zu Beratungen, im anschließenden Wald wurden Milizionäre ausgebildet. Einer der Ausbildner war Major Josef Theiler aus Gleinstätten, der einige Jahre zuvor Lehrer in Eibiswald gewesen war. Da der Österreichische Heimatschutz ein Gegner der Nationalsozialisten war,  war die Familie Brauchart den eher national gesinnten Eibiswalder Bürgern verhasst.

Als beim Juliputsch 1934, auch „Naziputsch“ genannt, die Nationalsozialisten zum ersten Mal versuchten, in Österreich an die Macht zu kommen, kam es auch in Eibiswald zu einigen Gewalttaten, die zum Glück keine Todesopfer forderten.

 

Aus der Befragung von Franz Brauchart, Eibiswald 277:

„Als der Putsch in Eibiswald am Nachmittag des 25. Juli begann, flüchtete meine Mutter mit uns Kindern vom Aichberger Hof in das Lerchhaus, das meinem Onkel Franz Brauchart gehörte. Dort waren wir einigermaßen sicher. Auf dem Aichberger Hof blieben bis zum Morgen des nächsten Tages Mein Vater, mein Onkel und etwa 20 bewaffnete Heimatschützer. Am nächsten Putschtag, 27. Juli am Nachmittag, stürmten ca. 30 SA-Männer unseren Hof. Sie schossen von allen Seiten auf die Mauern und auch durch die Fenster. Der Hof stand aber zu dieser Zeit schon leer, denn gegen Mittag hat mein Vater durch einen Informanten, der im Gasthaus Götz ein Gespräch abgehört hatte, vom Angriff schon erfahren. Später haben wir gehört, dass die Angreifer den Aichberger Jirgl auf einen Baum vor dem Haus aufhängen wollten, wenn sie ihn erwischt hätten. Die Heimatschützer haben sich inzwischen alle in den Wald zurückgezogen.“

 

Der „Aichberger“ in allen steirischen Tageszeitungen: Nach dem missglückten Putschversuch standen drei Monate später mehrere Eibiswalder in Graz vor Gericht. Aus Berichten von Zeitzeugen war zu erfahren, dass die Angeklagten vor diesem Gericht große Angst hatten. Handelte es sich doch um einen Militärsenat, bei dem Offiziere des Bundesheeres das Wort führten und für kleinste Vergehen strenge Strafen verhängten. Auch der 24-jährige Wirtschafter Franz Götz aus Eibiswald musste vor den Senat treten. Er war von mehreren Zeugen beschuldigt worden, am ersten Putschtag einen Schuss auf den „Aichberger Jirgl“ abgegeben zu haben. In der Gerichtsverhandlung wollte der Senat wissen, wie sich der Vorfall beim Badhaus abgespielt hat.[8]

Götz erzählte ohne Umschweife und ohne etwas abzuleugnen, wie er am Abend des 25. Juli 1934 von SA-Sturmführer Adalbert Nidetzky, dem Anführer des Putsches in Eibiswald, eine Pistole ausgehändigt bekam und auf einen Erkundungsgang zum Saggaubach hinunter geschickt wurde. Nidetzki wollte offenbar wissen, ob vom Hof Aichberger, wo sich die Gegner der Nazis verschanzt hatten, ein Angriff auf den Markt geplant war. Immerhin war damit zu rechnen, dass sich ein Teil der gut bewaffneten Aibler Heimatschutz-Kompanie unter der Führung des Bauern Kuster/„Temmel“ auf dem Aichberger Hof verschanzt hatte.

Mittlerweile war es stockdunkel geworden, als Götz mit einem anderen SA-Mann in Richtung Saggau hinunterging. Beim Park gegenüber der heutigen Mittelschule, auf dem linken Bachufer, kniete er sich hinter einem Baum nieder, weil er plötzlich Schritte aus der Richtung Aichberger hörte. Die Sicht war gleich null und es regnete leicht. Die Schritte stammten von Georg Brauchart und einem Kameraden, die ihrerseits erkunden wollten, ob ihnen von den Eibiswalder Nationalsozialisten eine Gefahr drohte. Vorsichtig und leise flüsternd gingen sie auf die Saggaubrücke zu. Als die beiden Männer plötzlich vor Götz auftauchten, sprang er auf und rief „Hände hoch!“ Brauchart verlor die Fassung nicht und rief „Aber was, leck mich am Arsch!“ Götz hatte zu dieser Aufforderung keine Lust und drückte seine Pistole auf Brauchart ab. Zum Glück war es so dunkel, dass er gar nicht genau wusste, wohin er schießen sollte und der Schuss ging fehl.

Als der Verhandlungsleiter die Geschichte hörte, amüsierte er sich darüber, dass der Aichberger gegenüber dem Franz Götz das „Götzzitat“ anwandte. Er meinte, dass die Szene im Park am Saggaubach sehr ähnlich war derjenigen aus Goethes Drama „Götz von Berlichingen“, nur dass Franz Götz eben nicht der Ritter mit der eisernen Hand war. Götz wurde zu einem Jahr schweren Kerkers verurteilt. Auch die Zeitungen berichteten in  diesem Sinne, eine Zeitung wählte die Überschrift „Die Geschichte vom Aufrührer Götz und dem Ritter mit der eisernen Hand“.[9]

 

Der Besitzer Karl Brauchart verstarb am 20. April 1972 bei einem Verkehrsunfall auf der Kobaldhöhe. Sein Bruder Georg starb 1978. Nach Karls Tod übernahm der gleichnamige Sohn das Gut. Der heutige Besitzer Peter Brauchart übernahm die Realität im Februar 2002.



[1] Da die meisten Hinweise auf die Familie Schrampf aus der Untersteiermark kommen, vermutete Dr. Werner Tscherne die Herkunft aus dem Drautal.

[2] Robert Baravalle, Steirische Burgen und Schlösser, Band I/Heft 5, Graz 1936.

[3] Hans Kloepfer, Eibiswald, Graz 1933.

[4] Carinthia-Archiv, Klagenfurt, „Burg und Herrschaft Lavamünd“.

[5] Franz Pichler, Aichberg bei Eibiswald. In: Blätter für Heimatkunde, Graz 1957, Heft 3.

[6] Baravalle (Anmerkung 2) erwähnt einen Streit in Windischgrätz 1626 zwischen Adam Schrampf und einem Lederergesellen, in dem Schrampf erschlagen wurde. Es könnte sich um Caspar Adam gehandelt haben.

[7] Bezirksgericht Deutschlandsberg, Grundbuch.

[8] ÖStA/Kriegsarchiv, Militärgerichtshof, Verhandlung gegen Franz Götz am 19. 10. 1934.

[9] Grazer Volksblatt, 19. 10. 1934, Berichte über das Militärgericht Graz.